tangoball.de: Die Tango-Clubs,tangobälle, Tangobälle, Tango Salon in Deutschland,österreich, Österreich, die Schweiz und Nachbarländern,Nachbarländer sowie weltweit! mit vielen Photos,LA FIESTA DEL TANGO:jeden ersten samstag im Monat findet im Bürgerhaus Stollwerck in stillvoller Atmosphäre bei Kerzenlicht und Wein La Fiesta del Tango statt



Die Stimme des Tango

Noch vor einem Jahrzehnt war kaum denkbar, daß der Tango-Tanz in Europa sehr gut ankommen würde.
Dazu beigetragen hat sicher auch die Tatsache, daß heutzutage mehr über den Tango bekannt ist, daß wir ihn allmählich besser verstehen und sogar lieben gelernt haben, daß wir langsam begreifen, wie wenig dekadent die originale Tango-Musik ist, wie viel sie allerdings in ihrer Zielrichtung mit "subversiver" Volksmusik wie Blues und Rembetika gemeinsam hat. "Schuld" an solchen Erkenntnisprozessen tragen Musiker aus Argentinien und Uruguay, die zu Beginn der achtziger Jahre in Europa ein Tango-Revival einläuteten.
Ihr Vater war Astor Piazolla, der in Zusammenarbeit mit jazzmusikern den Tango schon zuvor gründlich entschlackt hatte. Auf Piazzollas " Tango Nuevo" bauten Bandoneonspieler wie Juan José Mosalini, Dino Saluzzi und Luis di Matteo auf, trieben ihn - jeder für sich und in eigener weise - weiter, immer auch seine Wurzeln, seine Tradition berücksichtigend.
In dieser Tradition hat der plakative Vorwurf der Dekadenz keine Berechtigung.
Der Tango, geboren in den Slums und Rotlichtvierteln von Buenos Aires und Montevideo, war in seiner traditionellen Ausformung eine mal melancholische, mal süßliche, sicher auch laszive Musik, die in ihrem Aufbegehren gegen die Verhältnisse ursprünglich alles andere als dekadent, nämlich eher unangepaßt und revoluzzerhaft war und außerdem geprägt wurde von einem heute fast komisch wirkende Machismo.
Die überraschenden Erfolge des Tango in den USA und Europa ließen dort eine harmlosere (und zuletzt dem Dekadenz- Vorwurf gerechter werdende) Form entstehen: Tanz- unterhaltungs-orchester strichen nun glatt, was ursächlich widerborstig gewesen war. Die Tango-Texte, die sich zwischen Aufruhr und Melancholie bewegten und von denen einige mit ihrer unangepaßten sprachlichen Drastik den jeweils Herrschenden so wenig gefielen, daß sie lange Jahre verboten waren, diese Tango-Texte wurden beispielweise in Deutschland von nett-nichtssagenden Einsichten wie "Der Wind hat mir ein Lied erzählt" abgelöst. Welche ein Gegensatz zu einem wilpoetischen Text wie "Nostalgias" mit den zeilen:

"klage Bandoneon, deinen grauen Tango, vielleicht verletzt dich ebenfalls irgeneine sentimentale Liebe".

Der Tango-Tanz wurde von seinen eindeutig sexuellen Posen, seinen Obsessionen befreit und zu einem zwar zunächst noch anrüchigen, zuletzt aber doch akzeptierten Gesellschafts- und Turnier-Tanz.
Auch dieses Mißverständnis korrigierte die neuerliche Tango-Euphorie zu Beginn der achtziger Jahre: Südamerikanische Ensembles tanzten den Tango rüde und ruppig original vor.Für die entscheidende musikalische Bereicherung, für große Überraschung und schließlich fiebrige Begeisterung aber sorgten die Bandoneonspiler des neuen Tango. Ihre Kunstfertigkeit auf dem sperrigen Instrument, das vom Krefelder Heinrich Band als Weiterentwicklung der Concertina in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gebaut wurde, ließ aufhorchen; da war eine neue, kaum mit dem verwandten Knopf-Akkordeon vergleichbare Klangfarbe: Die Stimme des Tango!
Dieses Instrument atmet, pustet, hechelt, ist zumeist schon durch viele hände gegangen, denn die argentinischen und uruguayischen Nachbauten bewährten sich nicht, folglich spilen viele musiker noch alte Instrumente der Marken Hohner und Arnold.. Kein Wunder, daß das schwierig zu spielende Instrument mal boshaft als "abgeschlaffter Blasebalg", mal liebevoll-prosaisch als "Raupe" mit Neigung zum "Schmetterling" besungen wird.



El Forum de Fiesta
Das Argentinische am Tango in Zweifel zu ziehen ist ein ebenso ergreifender Akt von Selbstmord, wie die Existenz von Buenos Aires zu bezweifeln... Es ist der zwittrige tanz zwittriger Leute:

er hat etwas von der Habanera, die Matrosen von weither mitbrachten, von der Milonga und schliesslich auch noch einiges von italienischer musik. All das ist genauso gemischt wie die musiker, die ihn erfinden, Kreolen wie Poncio und Gringos wie Zambonini. Künstler ohne grosse Ansprüche, die nicht ahnten, dass sie dabei waren, Geschichte zu machen.
Bescheidene, zusammengewürfelte kleine Orchester, die sich darauf verstanden, Gitarre, Geige und Flöte zu spielen, die aber auch mit der Mandoline, der harfe und sogar mit der Mundharmonika umgehen konnten. Bis das Bandoneon auftaucht, das dieser vielfältigen, unbewussten Schöpferkraft endgültig seinen Stempel aufdrückt... Ein sentimentales Instrument, dramatisch und mit Tiefgang, anders als das Akkordeon mit seiner leichten, untermalenden Sentimentalität, und es führt dazu, dass der Tango für immer von den fröhlichen Schnörkeln und der lärmenden Erbschaft der "Candombe" abgegrenzt wird... Der Tango verkörpert die wesentlichsten Charakterzüge des Landes, wie wir sie damals zu entwickeln begannen: Unausgeglichenheit, Heimweh, Traurigkeit, Frustration, Sinn fürs Dramatische, Unzufriedenheit, ressentiment und Kompliziertheit.
[Ernesto Sábato(Geboren 1911), aus: "Tango, Discusión y Clave"]




Gardel, unsere kreolische Amsel, ungeachtet des Anspruchs Uruguays auf seine Herkunft, hatte dank seiner Mutter Dona Berta die Urteilskraft unserer gallischen Vorfahren. Dies beweist seine Art zu leben, seine Ausstrahlung, Produkt grosser physischer Kraft, basierend auf Gymnastik und Geschmeididkeit. Gut zu wissen, dass der Dunkelhaarige den Genüssen des Tisches und guter Speisen frönte und exquisiten Likören nicht abgeneigt war. Nachdem er in paris debütiert hatte, prahlten zahlreiche berühmtheiten mit dem Glanz seiner Freundschaft. Während seines Aufenthalts in Nizza(1931) lernte er den Engländer Charles Chaplin kennen, seines Zeichens Regisseur, Debattierer und musiker, Archetyp der siebten Kunst und bestbezahlter Schauspieler seiner Zeit, Gründer von United Artists und Mann mit unberechenbaren Gefühlsleben. Charlot, der letzte Schiffbrüchige des Stummfilms, hatte 1931 enormen Erfolg mit "Lichter der Grosstadt"... Eine seiner Touren führte ihn ins berühmte Seebad, wo er unseren "Stummen" umarmte, verewigt auf einem Foto, das heute in der Pizzeria "Los Immortales" hängt... Die Bedeutung des Treffens zeigte sich anschliessend auf dem Filmset.
Gardel verfilmte monate später "Die Lichter von Buenos Aires", eine herzliche Hommage an seinen Kollegen mit der Melone, dem Stock und den enormen Schuhen.
[Aus der Tageszeitung "La Nación" in Buenos Aires, 11. Dezember 1996, zum Geburtstag Andenken Gardels.]



"Sich einer Stromung wie einem Traum überlassen", dachte ich, als ich mit dem Koffer in der Hand in das Halbdunkel des Tanzsaals eintrat und den unbekannten Tango hörte, das Bandoneonsolo über den fernen Klavierklängen... Ich stellte den Koffer neben mein Bein und bestellte etwas zu trinken; ich wusste, dass ich mich keinesfalls betrinken durfte; ich entdeckte die Erschöpfung meines körpers, als ich mich im Stuhl zurücklehnte, ich begann mir den Ausdruck vorzustellen, den jedes einzelne der gesichter, die ich anblickte, im Tode annehmen würde: auf den ersten Blick unterteilte ich sie in zeremonielle und einfältige gesichter, in die rasse derer, die sich strecken werden, hart, trocken, der menschlichen deutung des Todes angemessen und in die der Gesichter, die sich ausdrucklos und gefügig unterwerfen werden.

Alle Lichter gingen aus, ein Scheinwerfer fiel auf die leere Tanzfläche, eine Frau im Torerokostüm grüsste, indem sie ihre Fingerspitzen küsste, und begann zu tanzen.
[Juan Carlos Onetti(1909-1994), "La vida breve"]

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